Hórreos sind das architektonische Wahrzeichen des ländlichen Nordwestens der Iberischen Halbinsel. Wer durch Galizien fährt, kommt automatisch an hunderten davon vorbei. Diese traditionellen Getreidespeicher dienten über Jahrhunderte der Lagerung von Mais, Getreide und andern Lebensmitteln (bis hin zu Wurst und Käse) unter schwierigen klimatischen Bedingungen.

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Die technische Konstruktion und Funktionsweise
Ein Hórreo ist eine spezialisierte Ingenieursleistung zur Lösung zweier Probleme:
- Feuchtigkeit und
- Schädlinge.

Der Aufbau folgt einem strengen funktionalen Schema:
- Die gesamte Konstruktion ruht auf vertikalen Stützen, den Pés. Diese heben den Speicher vom Boden ab, um Schutz vor aufsteigender Erdfeuchtigkeit zu bieten.
- Das wichtigste Element ist der Tornarrato (auch Muela genannt). Dabei handelt es sich um eine flache, meist kreisrunde Steinplatte, die zwischen dem Pfeiler und dem eigentlichen Speicherhaus liegt. Durch den Überstand der Platte wird es Nagetieren physikalisch unmöglich, an den glatten Stützen emporzuklettern.
- Der eigentliche Lagerraum, die Cámara, besteht in Küstennähe meist aus Granit, im Landesinneren aus Holz oder Geflecht.
- Die Wände verfügen über vertikale Belüftungsschlitze, die eine ständige Luftzirkulation gewährleisten. Dies ist entscheidend, um die Schimmelbildung im feuchten galicischen Klima zu verhindern.
- Den Abschluss bildet meist ein Satteldach aus Ziegeln oder Schiefer, das oft mit religiösen Symbolen wie Steinkreuzen geschmückt ist.
Beeindruckende Beispiele in Galicien
Während die meisten Hórreos kleine private Speicher auf Bauernhöfen sind, gibt es einige Bauwerke von außergewöhnlicher Größe und kultureller Bedeutung.

Der Hórreo von Carnota, den wir auf unserer Route besichtigt haben, ist eines der bekanntesten Monumente dieser Art. Er steht direkt neben der Kirche Santa Columba und erreicht eine Länge von 34,74 Metern. Er wird von 22 Pfeilerpaaren getragen. Lange Zeit galt er als der größte Speicher der Region, wurde jedoch von neueren Messungen übertroffen.
Der tatsächlich längste Hórreo Galiciens befindet sich in Araño (Rianxo). Mit einer Länge von 37,05 Metern übertrifft er die anderen Giganten deutlich. Im Gegensatz zu vielen anderen Exemplaren steht er nicht auf Pfeilerpaaren, sondern auf einer durchgehenden Mauerbasis.

Ein weiterer wichtiger Vertreter ist der Hórreo von Lira. Er befindet sich in unmittelbarer Nähe zu Carnota und ist mit 36,50 Metern fast identisch dimensioniert. Diese monumentalen Speicher dienten oft der Kirche oder dem Adel, um die Abgaben der Bauern (den Zehnten) sicher zu lagern.
Besondere Standorte und regionale Typen
Einzigartig in Bezug auf Hórreos ist der Ort Combarro. Hier stehen die Speicher nicht wie üblich im Hinterland bei den Feldern, sondern in einer geschlossenen Reihe unmittelbar an der Ufermauer der Ría de Pontevedra. Diese Anordnung ist untypisch und hängt mit der speziellen Siedlungsstruktur des Ortes zusammen, bei der die Häuser der Fischer und Bauern direkt am Wasser liegen.

In der Bergregion Os Ancares findet man eine archaische Form des Speichers. In Piornedo sind die Hórreos quadratisch und mit dicken Strohdächern gedeckt, was sie an die dortigen Rundhäuser (Pallozas) anpasst.
Horréos in den angrenzenden Regionen

Obwohl das Prinzip der Hochspeicher im gesamten Norden verbreitet ist, ändern sich Namen und Formen je nach Region:
In Galicien ist der Begriff Hórreo Standard. Die Bauweise ist hier überwiegend rechteckig und schmal. Sobald man die Grenze im Süden nach Portugal überschreitet, werden sie Espigueiros genannt. Besonders beeindruckend ist die Ansammlung in Lindoso, wo über 50 dieser steinernen Speicher auf einer gemeinschaftlichen Felsplatte stehen.
In Asturien, das östlich an Galicien grenzt, sind die Speicher meist quadratisch und werden auf hölzernen Stützen errichtet. Dort unterscheidet man zudem zwischen dem Hórreo und der Panera, die größer ist und mehr als vier Stützpfeiler besitzt.
Durch diese Vielfalt bleiben die Speicher ein zentrales Element des europäischen Kulturerbes, das zeigt, wie Architektur direkt aus den Anforderungen der Natur und der Landwirtschaft entsteht.

Hórreos de Combarro








