Völlige Freiheit im Wohnmobil

Was gibt es schöneres, als fernab von zivilisatorischer Reizüberflutung die Abendstille zu genießen? Bei Grillen-Gezirpe vor dem Wohnmobil zu sitzen, die Füße in den Sand zu stecken und in den Sternenhimmel zu schauen. Das ganze einsam und ohne hunderte Nachbarn, die evtl. gerade kein Interesse an Ruhe haben: Wildcampen – für viele Camper der Inbegriff des idealen Urlaubs.

Meine spezielle Vorliebe dafür mag daran liegen, dass ich bereits im Alter von fünf Jahren wochenlange Urlaube an griechischen Stränden verbrachte. Für mich war Wildcampen Normalität, bevor ich überhaupt den Begriff dafür kannte.

Heutzutage ist Wildcampen schwierig geworden. Paradox eigentlich – sind doch moderne, autarke Wohnmobile und Camper-Vans geradezu dafür prädestiniert. Dicht besiedelte Gebiete, unvorteilhafte Gesetze und nicht zuletzt auch ein schlechter Ruf verhindern aber die völlige Freiheit auf Rädern. Dennoch ist es vielerorts möglich, auch außerhalb von Camping- und Stellplätzen Zeit im Campingbus zu genießen.

Was versteht man unter Wildcampen?

Wildcampen wird oft auch als “Freistehen” bezeichnet. Manche Kollegen stören sich am “wild” in Wildcampen – ich finde, als Abgrenzung zu braven Campingplatzurlaubern ist das Wort nicht so verkehrt.

Eine messerscharfe Definition beider Begriffe lässt sich nicht finden: Zu unterschiedlich sind Gesetzgebungen und lokale Regelungen.

  • Aus der Sicht des geneigten Campers findet Wildcampen dann statt, wenn man nicht durch einen Checkin-Prozess geschleust und dann auf Parzellen sortiert wird, sondern sich eben „frei“ dort hinstellt, wo man dies möchte. Wildcamping in seiner ausgeprägtesten Form findet wohl irgendwo in der freien Natur statt: Campingmöbel sind draußen unter der Markise aufgebaut, die Warmwasserdusche ist am nächsten Baum aufgehängt und Freizeitutensilien finden sich verstreut rund um die improvisierte Behausung.
  • Am anderen Ende des Spektrums verstehen Touristiker und Behörden unter Wildcampen vielerorts überhaupt alle Übernachtungsformen, die zu wenig Kontrolle unterliegen, und in weiterer Folge keine Einnahmen lukrieren.

Als Faustregel:

  • Wenn du am Waldrand parkst, und vor dem Camper Tisch und Griller aufbaust, dann kampierst du definitiv wild, sofern es sich bei deinem Parkplatz nicht um einen ausgewiesenen Stellplatz handelt. In nur wenigen Ländern darfst du das explizit tun. Es gibt aber einige Länder, wo du auf Toleranz hoffen darfst.
  • Verzichtest du auf Tisch, Grill und sonstige Utensilien, so wird die Sache kompliziert: Nun parkst du ja erstmal nur ein Fahrzeug, was noch nicht verboten ist. Ob du nun beim Übernachten im Fahrzeug Probleme bekommst, hängt von einigen Faktoren ab.

Unabhängig davon, was du vorhast – sich über lokale Gesetze und Regelungen zu informieren ist also absolut notwendig, um Schwierigkeiten zu vermeiden. In der Praxis noch wichtiger als die Gesetzeslage ist jedoch das Toleranzlevel des jeweiligen Reiseziels gegenüber Wildcampern. Um dieses so hoch wie möglich zu halten, sind gewisse Verhaltensregeln sinnvoll – doch dazu später mehr.

Warum überhaupt Wildcampen?

Warum möchten viele Wohnmobil-Reisende und Vanlife-Begeisterte denn eigentlich lieber außerhalb von offiziellen Campingplätzen übernachten?

Zwar möchten uns viele (kurzsichtige) Touristiker und Campingplatzbesitzer glauben machen, dass es dabei darum geht, möglichst billig durch den Urlaub zu kommen, doch diese Argumentation ist nicht haltbar. Selbst wenn man im betagten Kastenwagen unterwegs ist – für den Anschaffungswert eines solchen Fahrzeugs alleine könnte man oft jahrelang All-inclusive-Urlaube machen. Die reine Kostenvermeidung kann daher logischerweise nicht das Primärziel sein.

Andererseits kann die Kostenthematik auch nicht völlig außer Acht gelassen werden: Wohnmobil-Reisende wollen verständlicherweise nicht für Services bezahlen, die sie nicht benötigen.

Vor allem aber suchen Freisteher eine andere Art von Urlaub, die am Campingplatz meist nicht geboten wird.

Hier einige, mögliche Beweggründe:

Wildcampen als Zugang zu Einsamkeit, Ruhe und Natur

Kein Straßenlärm. Geräusche, die nur von Wind, Flora und Fauna verursacht werden. Animationsprogramm: Auf’s Meer blicken.

Diese Situationen sind selten geworden, sogar für uns Wohnmobilreisende, obwohl gleichzeitig Hauptantrieb der meisten Wildcamper (wie ich sie kenne).

Steuert man Campingplätze in der Hochsaison an, so muss man sich von der Vorstellung überhaupt verabschieden, die oben beschriebene Idylle vorzufinden. Hunderte Nachbarn, Kindergeschrei und die Zwangsbeschallung nahegelegener Restaurants lassen wenig Raum für naturnahen Urlaub.

Wildcampen ermöglicht aber eine Rückkehr zum Ursprung: Fernab von Luxus-Campingplätzen mit Rundum-Animations-Brötchen-Bring-Service wird Camping wieder zu dem, was es vor Jahrzehnten gewesen sein muss. Dieses naturnahe Campingerlebnis können nur sehr, sehr wenige Campingplätze bieten.

Wildcampen aus Entdeckergeist und Abenteuer

Warum nur dort hinfahren, wo schon jeder war? Viele Wildcamper werden von Entdeckergeist getrieben und wollen Abenteuer erleben. Abgesehen davon, dass sich Abenteuer und Campingplatz ein wenig widersprechen – In vielen spannenden Reisegebieten gibt es aber schlichtweg keine offiziellen Möglichkeiten, Camping zu betreiben. Zu gering ist die Anzahl der Touristen um Investitionen in Stellplätze zu rechtfertigen. Will man dennoch in diese Gebiete reisen, bleibt einem gar keine andere Wahl, als wild zu campieren.

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Wildcampen um Zeit zu sparen

Check-in und Check-out bei Campingplätzen kosten nicht nur Zeit, sie sind auch nicht zu jeder Tages- und Nachtzeit möglich. Ist man nur auf der Durchreise, kann man diese Zeit einsparen. Ankommen, schlafen – aufwachen, weiterfahren. Auch LKW-Fahrer werden schließlich nicht zu Campingplatzaufenthalten gezwungen.

Wildcampen weil man dafür ausgerüstet ist, und niemanden stört!

Moderne, autarke Reisemobile benötigen die Infrastruktur eines Campingplatzes schlichtweg nicht. Ver- und Entsorgung alle paar Tage ist ausreichend. Dusche und WC sind mit an Bord, Abwasser wird im Tank gesammelt, Strom ist per Batterie für einige Tage sichergestellt. Viele Wohnmobilisten sehen daher keinen Grund, täglich für Duschgelegenheiten, WC und Abwaschmöglichkeiten zu bezahlen, wenn man diese Services nicht nutzen möchte und ja selbst an Bord hat.

Je nach Jahreszeit ist Wildcampen die einzige Option

Wer gerne in Vor- und Nachsaison, oder gar im Winter unterwegs ist, trifft oft nur verschlossene Campingplatzpforten an. Frei zu stehen ist oft die einzige Möglichkeit, dennoch mit dem Camper reisen zu können.

Gründe, die gegen das Wildcampen sprechen

Kostenoptimierende Wildcamper sorgen für schlechten Ruf und Verbote

Wer kennt sie nicht? Die Camper-Kollegen die kostenlos an den schönsten Plätzen wochenlang verweilen, ausschließlich die von zu Hause mitgebrachten Spaghetti kochen, und nur den eigenen Müll im Urlaubsland hinterlassen. Es darf nicht verwundern, dass man so nicht für hohe Beliebtheit von Campern im Urlaubsland sorgt.

Hier ist der mündige Wildcamper selbst gefordert, eine sinnvolle Kompromisslösung aus Freiheit und Attraktivität für das Gastgeberland zu finden. Es schadet z.B. nicht, die lokale Gastronomie auszuprobieren sowie die Spaghetti zumindest im Laden vor Ort anstatt beim Lidl zu Hause zu kaufen.

Wildcampen ist nicht immer bequem

Viele Reisemobile sind nicht dazu ausgelegt längere Zeiträume ohne Campingplatz überbrücken (für Wohnwägen gilt dies noch mehr). Dann ist der geneigte Wildcamper alle 2-3 Tage auf der Suche nach Frischwasser und-schlimmer-versucht sein Grauwasser unauffällig loszuwerden. Geht der Strom zur Neige, so werden an sich sinnlose Überlandfahrten unternommen um die Batterien wieder aufzuladen.

Wildcampen führt nicht unbedingt dazu, Natur natürlich zu belassen

Die schönsten Plätze sind dies oft nur so lange bis Wildcamper sie entdecken. Steht erst mal eine Reihe von Campern aneinandergereiht am „geheimen“ Strand, so ist der Unterschied zum Campingplatz nicht mehr so groß.

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Ökologische Bedenken bzgl. Wildcampen

Tief in der Nacht mit der Lampe und Spaten bewaffnet heimlich die Toiletten-Kassette hinter die nächste Düne zu tragen und dort anschließend ein tiefes Loch zu graben ist wenig unterhaltsam. Bekämpft man Gerüche mit chemischen Hilfsmitteln so ist das Ganze auch ökologisch höchst bedenklich.

Fazit

Es gibt sicherlich viele, legitime Beweggründe für’s Wildcampen. Vernünftig betrieben schädigt man weder andere noch die Umwelt, und kann sich auf ganz besondere Urlaubserlebnisse freuen. Genauso gibt es Gründe gegen das Freistehen, die von Gegnern gerne ins Feld geführt werden. Mit geeigneten Verhaltensregeln für’s Wildcampen können diese Argumente zu einem guten Teil entkräftet werden. Hier müssen wir Camper uns selbst an der Nase nehmen, um die schönste Art des Reisens auch in den nächsten Jahrzehnten genießen zu dürfen. Wie du beim Wildcampen Probleme vermeidest erfährst du im Artikel Anleitung zum Wildcamping.