Dies ist mein eigener Beitrag zur Blogparade: “Wildcamping-Geschichten”. Dieses Wildcamping-Abenteuer haben wir vor einigen Jahren erlebt, und wir wissen bis heute nicht, ob wir einfach ans Gute im Menschen geglaubt haben, oder naiv waren und Glück hatten. Jedenfalls kann man soetwas nur erleben, wenn man sich abseits von Campingplätzen auf das echte Leben einlässt, und wir bereuen die Erfahrung auf keinen Fall.

Übernachtungsplatz? Fehlanzeige.

Montenegro, September 2013. Wir haben gerade das wunderschöne Durmitor-Gebirge überquert. Unzählige Serpentinen haben uns, vorbei an den schönsten Ausblicken, wieder zurück an die Küste geführt. Wir sind zwar glücklich, aber auch gerädert.

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Die verfügbaren Campingplätze sind für uns uneeignet – reine Zeltplätze, wir können beim besten Willen unseren Bus nicht 100 Stufen hochtragen. Also versuchen wir unser Glück auf Parkplätzen und Nebenstraßen. Vor Einbruch der Dunkelheit einen Schlafplatz zu finden – diese Camperregel missachtet zu haben, rächt sich nun. Die Umgebung von Herceg Novi ist touristisch und verbaut. Nichts passt. Ein Platz ist laut, der nächste wieder taghell mit Flutlicht erleuchtet, oder schlicht nicht vertrauenserweckend. Wir suchen schon seit Stunden, finden aber nichts.

Sleep? Follow me!

Plötzlich hält neben uns ein uralter VW Golf, ehemals rot, nun eher “rostbraun natur”.

Sleep?” lautet die  eloquente Frage, die uns ein bärtiger Geselle aus dem inneren der Luxus-Karosse zuruft. Ausflüchte fallen uns in unserem Zustand nicht ein, also nicken wir.

Follow me!” befiehlt er, und fährt los. Widerstand scheint keine Option zu sein, wir folgen. Immerhin befinden wir uns ja noch auf einer relativ großen, gut beleuchteten Straße, was soll schon passieren?

Ab in den Wald

Die Straßen werden schmäler, bald gibt es keine Beleuchtung mehr. Ein wenig mulmig ist uns zumute, wir haben schließlich keine Ahnung, wem wir uns hier anvertrauen. Ich bemühe mich, mit dem Golf mitzuhalten, der in südländischem Ralley-Stil dahindüst. Irgendwann sind wir in einem dunklen Wald unterwegs, und plötzlich biegt unser Guide auch noch in einen Feldweg ab. Ich blicke zu Olya, sie zuckt mit den Schultern. Vorsichtig bleibe ich mal stehen – unser Guide auch. Werden der Rostlaube nun 4 bewaffnete Sturmhaubenträger entsteigen? Sind wir nun Geld und Pässe los? Vielleicht auch gleich den Camper?

Unser Guide meint es gut mit uns

Nur unser Bärtiger steigt aus.

You go in forest. Sleep!” Er deutet auf den stockdunklen Weg, der in den Wald führt.

Äh…okay!” Sobald er weg ist, machen wir die Fliege, denken wir unisono. Ich sehe keine 3 Meter weit entlang des Weges – weder möchte ich mit dem Bus im Schlamm versinken, noch von einer Klippe stürzen. Anscheinend spürt unser Guide unsere Verunsicherung.

Is good place. I come here for camping.”

“Camping? oder um Touristen auszurauben?” fragen wir nicht. Wir nicken nur.

I work at restaurant. Name of restaurant Azzurro. Tomorrow, if you want, you come!”

Erleichterung. Der Mensch hat einen Job. Seine Vertrauenswürdigkeit ist gerade mehrere Prozentpunkte nach oben geklettert. Er hat sogar einen anderen Grund, uns in den Wald zu lotsen, als uns auszurauben. Offensichtlich ist er Customer Care-Beauftragter oder Marketing-Manager von Azzurro, und gedenkt, durch exzellenten Service zu überzeugen.

Stille und Sternenhimmel

Wir bedanken uns, und unser Guide wirbelt Staub auf, als er im Rallye-Stil losdüst. Vorsichtig erkunde ich erstmal mit Taschenlampe und zu Fuß den Waldweg. Harter Untergrund, befahrbar. Genug Höhe unter den Bäumen. Soweit so gut. Nach kaum 2 Minuten auf dem Weg gelangen wir an eine Lichtung – und tatsächlich: Ein inoffizieller Stellplatz. Es gibt mehrere Feuerstellen, die eine oder andere Zeltschnur liegt herum. Wir stellen den Bus (in Fluchtrichtung) ab, Olya kocht Abendessen, während ich die Lichtung erkunde und ein kleines Sportprogramm abspule. Es gibt kein Geräusch außer dem gelegentlich fallenden Blatt, keine Lichter. Nur einen sternenklaren Himmel.

Ganz beruhigt bin ich zwar noch immer nicht, doch wir verbringen eine ausgesprochen ruhige Nacht.

Azzurro, wo bist du?

Morgens haben wir ein schlechtes Gewissen – selbstlos hat uns hier ein Einheimischer geholfen, und wir verdächtigen ihn gleich, irgendetwas im Schilde zu führen. An der Straße haben wir ein Schild “Azzurro” gesehen. Das Café daneben suchen wir nun auf, um uns zu bedanken. Leider ist unser Bärtiger nirgends zu finden, wir bezahlen einen Kaffee mit ordentlich Trinkgeld, und machen uns auf den Weg.

Beim Wegfahren meint Olya “das war nicht Azzurro. Schau mal, da ist ein Pfeil am Schild”. Ok, gut, aber ich möchte jetzt weiter. Also fahre ich erstmal 5km den Berg hinunter. Olyas Gewissen ist aber nicht zu bremsen, und so bewegt sie mich zur Umkehr: Wir nehmen einen zweiten Anlauf auf Azzurro. Wir folgen der mäßig klaren Beschilderung so gut wir können, immer bergan.

 

An einem Müll-Abladeplatz (idyllisch wird Abfall am Straßenrand in die Landschaft gekippt) kommen wir an drei Müllabfuhr-Fahrzeugen vorbei. Zuerst bedeuten uns die Müllmänner “umkehren, hier geht’s nicht weiter”. Wir zeigen ihnen auf der Karte, wo wir hinwollen (oder glauben, hinzuwollen). Nach Beratschlagung, und Begutachtung unserer Bodenfreiheit meinen die Herren, wir können weiterfahren. Bald wissen wir, warum die Herren so genau nachgesehen haben – der Asphalt endet hier.

Tja, ich kürze die Erzählung nun etwas ab. Es hat wohl noch einige Zeit gedauert, bis ich einsehen musste, dass das nichts wird (nachdem ich zum zweiten Mal leicht aufgesessen bin). Es war ein Offroad-Abenteuer, mit toller Landschaft und Natur. Irgendwann komme ich mit dem Mountainbike, oder vielleicht einem Offroad-Womo wieder. Azzurro findet sich am Ende dieser Straße aber wohl nicht. Wir wollen bereits aufgeben, umdrehen – allerdings gibt es dafür einfach keine Möglichkeit. Links eine Felswand, rechts der Abgrund. Ich war schonmal entspannter. Immerhin kein Gegenverkehr.

 

Partnerschaftstest für Camper

Irgendwann kommen wir an eine Betonbrücke ohne Geländer. Kaum breiter als die sonstige Straße, aber immerhin mit klar erkennbaren Limits. Die Gelegenheit für einen Partnerschaftstest in Sachen Vertrauen: Olya musste mich nun (das war meine explizite Anweisung) cm-genau an den Abgrund dirigieren, um auf der Brücke den Kastenwagen umzudrehen. Mit einem halben Meter Sicherheitsabstand wäre sich das nicht ausgegangen. Ich musste mich auf ihre Anweisungen verlassen oder einen Absturz riskieren – und sie musste sich auf meine Kupplungs-Fuß-Skills verlassen.

 

Und so rollte ich die nächsten Minuten Zentimeter für Zentimeter vor und zurück, jeweils unterbrochen durch Olyas “STOOOPPP!”. Irgendwann war’s geschafft, und die Nase des KaWas zeigte wieder talwärts. Azzurro haben wir leider nicht gefunden, aber wir hatten eigenartiger Weise dennoch das Gefühl, an diesem Tag etwas Bedeutsames erreicht zu haben.

Was lernen wir daraus?

Wildcampen nimmt ja eigentlich eine Nebenrolle in dieser Geschichte ein. Vielmehr war es Mittel zum Zweck, um unsere eigenen, antrainierten Reflexe und Einstellungen zu hinterfragen. Bei aller verständlicher Skepsis, antrainierter Vorsicht und berechtigten Befürchtungen: Gelernt haben wir auf alle Fälle, dass man überall auf der Welt hilfsbereite, ehrliche Menschen trifft, die einem nichts Böses wollen. Versteckt man sich vor diesen in Touristen-Ghettos, und zu diesen zählen nunmal auch Campingplätze, kann man ein Land nicht in all seinen Facetten kennenlernen. Wie eingangs erwähnt – wir wissen natürlich, dass soetwas auch schiefgehen kann, und wir empfehlen die Nachahmung nicht. Ebensowenig kann ich empfehlen, einen Kastenwagen auf einer Brücke zu wenden. Zu wissen, dass man sich auf seine/n Partner/in in einer solchen Situation verlassen kann, ist aber unglaublich wertvoll, und ohne eine gewisse Ausnahmesituation kaum zu lernen.

Hat dir die Geschichte gefallen? Hast du auch von einem Wildcamping-Abenteuer zu erzählen? Dann nimm doch an der Blogparade teil!

Weiterführende Links

Wildcampen mit dem Wohnmobil

Anleitung zum Wildcamping