Das folgende Abenteuer haben wir vor einigen Jahren erlebt, und wir wissen bis heute nicht, ob wir einfach ans Gute im Menschen geglaubt haben, oder naiv waren und Glück hatten. Jedenfalls kann man so etwas nur erleben, wenn man sich abseits von designten Touristenerlebnissen auf das echte Leben einlässt. Die gemachten Erfahrungen zählen zu jenen, über die wir nach Jahren immer noch gerne mit einem Lächeln sprechen.

Wir nehmen mit dieser Geschichte an Andreas‘ Blogparade über die schönsten Reiseerlebnisse teil.

Übernachtungsplatz? Fehlanzeige.

Montenegro, September 2013. Wir haben gerade das wunderschöne Durmitor-Gebirge mit dem Kastenwagen überquert. Unzählige Serpentinen haben uns, vorbei an den schönsten Ausblicken, wieder zurück an die Küste geführt. Wir sind zwar glücklich, aber nach 8 Stunden unterwegs, auch gerädert. Eigentlich wollen wir nur mehr schlafen.

Leider haben wir die Natur nun hinter uns gelassen, und sind mitten in der Touristenhochburg Herceg Novi gelandet.

Die verfügbaren Campingplätze sind für uns ungeeignet – reine Zeltplätze, wir können unseren Bus beim besten Willen nicht 100 Stufen hochtragen. Also versuchen wir unser Glück auf Parkplätzen und Nebenstraßen. Vor Einbruch der Dunkelheit einen Schlafplatz zu finden – diese Camperregel missachtet zu haben, rächt sich nun. Die Umgebung von Herceg Novi ist sehr touristisch und komplett verbaut. Nichts passt. Ein Platz ist laut, der nächste wieder taghell mit Flutlicht erleuchtet, oder schlicht nicht vertrauenserweckend. Wir suchen schon seit Stunden, finden aber nichts.

„Sleep? Follow me!“

Plötzlich hält neben uns ein uralter VW Golf, ehemals rot, nun eher „rostbraun natur“.

Sleep?“ lautet die  eloquente Frage, die uns ein bärtiger Geselle aus dem inneren der Luxus-Karosse zuruft. Wir sind auf die Frage nicht vorbereitet und Ausflüchte fallen uns in unserem übermüdeten Zustand nicht ein, also nicken wir.

Follow me!“ befiehlt er, und fährt los. Widerstand scheint keine Option zu sein, wir folgen. Immerhin befinden wir uns ja noch auf einer relativ großen, gut beleuchteten Straße, was soll schon passieren?

Ausgeraubt im Wald?

Die Straßen werden schmäler, bald gibt es keine Beleuchtung mehr. Ein wenig mulmig ist uns zumute, wir haben schließlich keine Ahnung, wem wir uns hier anvertrauen. Ich bemühe mich, mit dem Golf mitzuhalten, der in südländisch-dynamischen Stil dahindüst. Irgendwann sind wir in einem dunklen Wald unterwegs, und plötzlich biegt unser Guide auch noch in einen Schotterweg ein. Ich blicke zu Olya, sie zuckt mit den Schultern. Vorsichtig bleibe ich mal stehen – unser Guide auch. Werden der Rostlaube nun 4 bewaffnete Sturmhaubenträger entsteigen? Sind wir nun Geld und Pässe los? Vielleicht auch gleich den Camper?

Unser Guide meint es gut mit uns

Nur unser Bärtiger steigt aus.

You go in forest. Sleep!“ Er deutet auf den stockdunklen Weg, der in den Wald führt.

Äh…okay!“

„Sobald er weg ist, machen wir die Fliege“, denken wir unisono. Ich sehe keine 3 Meter weit entlang des Weges – weder möchte ich mit dem Bus im Schlamm versinken, noch von einer Klippe stürzen. Anscheinend spürt unser Guide unsere Verunsicherung.

Is good place. I come here for camping.“

„Camping? oder um Touristen auszurauben?“

fragen wir nicht. Wir nicken nur.

I work at restaurant. Name of restaurant Azzurro. Tomorrow, if you want, you come!“

Erleichterung. Der Mensch hat einen Job. Seine Vertrauenswürdigkeit ist gerade mehrere Prozentpunkte nach oben geklettert. Er hat sogar einen anderen Grund, uns in den Wald zu lotsen, als uns auszurauben. Offensichtlich ist er Customer Care-Beauftragter oder Marketing-Manager von Azzurro, und gedenkt, durch exzellenten Service zu überzeugen.

Stille und Sternenhimmel

Wir bedanken uns, und unser Guide wirbelt Staub auf, als er im Rallye-Stil losdüst. Vorsichtig erkunde ich erstmal mit Taschenlampe und zu Fuß den Waldweg. Harter Untergrund, befahrbar. Genug Höhe unter den Bäumen. Soweit so gut. Nach kaum 2 Minuten auf dem Weg gelangen wir an eine Lichtung – und tatsächlich: Ein inoffizieller Stellplatz. Es gibt mehrere Feuerstellen, die eine oder andere Zeltschnur liegt herum. Es ist kein Mensch hier.

Wir stellen den Bus (in Fluchtrichtung) ab, Olya kocht Abendessen, während ich die Lichtung erkunde und ein kleines Sportprogramm abspule. Es gibt kein Geräusch außer dem gelegentlich fallenden Blatt, keine Lichter. Nur einen sternenklaren Himmel.

Nach dem Abendessen genießen wir bei offener Campertür die fast absolute Stille, und blicken in den Sternenhimmel.

Zugegeben: Ganz ohne Sicherheitsbedenken bin ich zwar noch immer nicht, doch wir verbringen eine ausgesprochen ruhige Nacht.

Azzurro, wo bist du?

Morgens haben wir ein schlechtes Gewissen – selbstlos hat uns hier ein Einheimischer geholfen, und wir verdächtigen ihn gleich, irgendetwas im Schilde zu führen. An der Straße haben wir ein Schild „Azzurro“ gesehen. Das Café daneben suchen wir nun auf, um uns zu bedanken. Leider ist unser Bärtiger nirgends zu finden, und wir müssen akzeptieren, dass es sich bei dem Café nicht um Azzurro handelt. Wir bezahlen einen Kaffee mit ordentlich Trinkgeld, und machen uns auf den Weg – eigentlich wollen wir heute weiter nach Kroatien.

Beim Wegfahren meint Olya „Schau mal, da ist ein Pfeil am Schild“. Ok, gut, der war uns zuvor nicht aufgefallen. Aber ich möchte jetzt weiter. Also fahre ich erstmal 5km den Berg hinunter. Olyas Gewissen ist aber nicht zu bremsen, und so bewegt sie mich zur Umkehr: Wir nehmen einen zweiten Anlauf auf Azzurro. Wir folgen der mäßig klaren Beschilderung (also dem einen Richtungspfeil der eine von drei Straßen gemeint haben könnte) so gut wir können, immer bergan.

Geht’s hier wirklich noch weiter?

An einem Müll-Abladeplatz (idyllisch wird Abfall am Straßenrand in die Landschaft gekippt) kommen wir an drei Müllabfuhr-Fahrzeugen vorbei. Zuerst bedeuten uns die Müllmänner „umkehren, hier geht’s nicht weiter“. Wir zeigen ihnen auf der Karte, wo wir hinwollen (oder glauben, hinzuwollen). Nach Beratschlagung, Begutachtung unserer Bodenfreiheit und lauter Diskussion untereinander meinen die Herren, wir könnten weiterfahren. Bald wissen wir, warum die Herren so genau nachgesehen haben – der Asphalt endet hier.

Tja, ich kürze die Erzählung nun etwas ab. Es hat wohl noch dreißig Minuten gedauert, bis ich einsehen musste, dass das mit uns und Azzurro nichts werden würde. Der zweite Aufsitzer mit dem Abwassertank auf einem Felsen half bei dieser Erkenntnis. Es war ein Offroad-Abenteuer, mit toller Landschaft und Natur. Irgendwann kommen wir mit dem Mountainbike, oder vielleicht einem Offroad-Womo wieder. Azzurro findet sich am Ende dieser Straße aber wohl nicht.

Wir wollen also aufgeben, umdrehen – allerdings gibt es dafür einfach keine Möglichkeit. Links eine Felswand, rechts der Abgrund. Ich war schonmal entspannter. Immerhin kein Gegenverkehr (das wäre jetzt nämlich lustig!).

 

Partnerschaftstest für Camper

Irgendwann kommen wir an eine Betonbrücke ohne Geländer. Kaum breiter als die sonstige Straße, aber immerhin mit klar erkennbaren Limits. Die Gelegenheit für einen Partnerschaftstest in Sachen Vertrauen: Olya musste mich nun (das war meine explizite Anweisung) zentimetergenau an den Abgrund dirigieren, um auf der Brücke den Kastenwagen umzudrehen. Mit einem halben Meter Sicherheitsabstand wäre sich das nicht ausgegangen. Ich musste mich auf ihre Anweisungen verlassen oder einen Absturz riskieren – und sie musste sich auf meine Kupplungs-Fuß-Skills verlassen. Das Video unten illustriert die Situation.

Und so rollte ich die nächsten Minuten Zentimeter für Zentimeter vor und zurück, jeweils unterbrochen durch Olyas „STOOOPPP!“. Irgendwann war’s geschafft, und die Nase des KaWas zeigte wieder talwärts. Azzurro haben wir leider nicht gefunden, aber wir hatten eigenartiger Weise dennoch das Gefühl, an diesem Tag etwas Bedeutsames erreicht zu haben.

Fazit: Was lernen wir daraus?

Es schadet nicht, immer wieder die eigenen, antrainierten Reflexe und Einstellungen zu hinterfragen. Bei aller verständlicher Skepsis, antrainierter Vorsicht und berechtigten Befürchtungen: Gelernt haben wir auf alle Fälle, dass man überall auf der Welt hilfsbereite, ehrliche Menschen trifft, die einem nichts Böses wollen. Versteckt man sich vor diesen in Touristen-Ghettos, und zu diesen zählen nunmal auch Campingplätze, kann man ein Land nicht in all seinen Facetten kennenlernen. Wie eingangs erwähnt – wir wissen natürlich, dass so etwas auch schiefgehen kann, und wir empfehlen die Nachahmung nicht. Ebensowenig kann ich empfehlen, einen Kastenwagen auf einer Brücke zu wenden. Zu wissen, dass man sich auf seine/n Partner/in in einer solchen Situation verlassen kann, ist aber unglaublich wertvoll, und ohne eine gewisse Ausnahmesituation kaum zu lernen. Aus diesem Grund zählt dieses Abenteuer zu unseren schönsten Reiseerlebnissen. Denn Reisen muss sich nicht immer um exotische Ziele und besonders schöne Fotomotive drehen. Reisen ist eben auch, Erfahrungen zu machen, und Geschichten erzählen zu können.

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